Hufrehe

Wenn plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist.

Vielleicht hat dein Pferd gerade die Diagnose Hufrehe bekommen. Vielleicht läuft es vorsichtig über den Boden, verlagert sein Gewicht nach hinten oder möchte sich kaum noch bewegen. Vielleicht schaust du es an und fragst dich, wie es so weit kommen konnte. Warum ausgerechnet dein Pferd? Was hast du übersehen? Und vor allem: Wie kannst du ihm jetzt helfen? Mit diesen Fragen bist du nicht allein.

Viele Pferdebesitzer erleben genau diesen Moment. Einen Moment voller Sorgen, Unsicherheit und dem Gefühl, plötzlich vor einem riesigen Berg zu stehen. Die Informationen im Internet widersprechen sich, jeder scheint eine andere Meinung zu haben und oft bleibt am Ende vor allem eines zurück: Ratlosigkeit. Genau deshalb gibt es diese Themenwelt.

Ich möchte dir helfen, Hufrehe besser zu verstehen. Nicht, um dir eine schnelle Patentlösung zu versprechen, sondern damit du die Zusammenhänge hinter dieser Erkrankung erkennen kannst. Denn Hufrehe beginnt selten im Huf allein. Oft erzählen viele kleine Mosaiksteine gemeinsam eine Geschichte, die auf den ersten Blick gar nicht sichtbar ist. Und genau diese Geschichte schauen wir uns jetzt gemeinsam an.

Was passiert bei einer Hufrehe eigentlich im Huf?

Der Huf ist weit mehr als eine harte Hornkapsel. In seinem Inneren befindet sich ein hochkomplexes System aus Knochen, Blutgefäßen, Nerven, Sehnen und feinsten Gewebestrukturen, die bei jedem einzelnen Schritt perfekt zusammenarbeiten.

Eine ganz besondere Aufgabe übernehmen dabei die Huflamellen. Sie verbinden das Hufbein fest mit der Hufkapsel und sorgen dafür, dass das Gewicht des Pferdes sicher getragen wird. Man kann sie sich wie Tausende winzige Klettverschlüsse vorstellen, die das Hufbein gleichmäßig in der Hufkapsel aufhängen und gleichzeitig jeden Schritt abfedern.

Kommt es zu einer Hufrehe, gerät dieses empfindliche System aus dem Gleichgewicht. Entzündungsprozesse führen dazu, dass die Huflamellen geschädigt werden und ihre stabile Verbindung verlieren. Gleichzeitig wird die Durchblutung der Huflederhaut gestört. Blutgefäße können sich verengen, die Versorgung des empfindlichen Gewebes verschlechtert sich und es entsteht ein erhöhter Druck innerhalb der starren Hornkapsel.

Da der Huf kaum Platz zum Ausweichen bietet, verursacht bereits diese Druckzunahme erhebliche Schmerzen. Je stärker die Verbindung zwischen Hufbein und Hufkapsel geschädigt wird, desto schlechter kann das Hufbein in seiner ursprünglichen Position gehalten werden. Im weiteren Verlauf kann es sich drehen oder innerhalb der Hufkapsel absenken – eine schwerwiegende Komplikation der Hufrehe.

Deshalb gilt Hufrehe immer als tiermedizinischer Notfall und sollte so früh wie möglich behandelt werden. Doch obwohl die Schmerzen im Huf entstehen, beginnt die eigentliche Geschichte häufig nicht dort.

Auch wenn sich die Schmerzen im Huf zeigen, beginnt die Geschichte häufig viel früher.

Der Körper deines Pferdes arbeitet jeden Tag daran, sein inneres Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Milliarden von Zellen kommunizieren miteinander, Hormone übermitteln Botschaften, das Immunsystem überwacht mögliche Gefahren und feinste Blutgefäße versorgen jedes Gewebe mit Sauerstoff und Nährstoffen. Solange all diese Systeme harmonisch zusammenarbeiten, bleibt der Körper im Gleichgewicht.

Bei einer Hufrehe gerät genau dieses fein abgestimmte Zusammenspiel aus der Balance.

Je nachdem, wodurch die Hufrehe ausgelöst wird, unterscheiden sich die Vorgänge im Körper. Heute weiß man, dass insbesondere die endokrinopathische Hufrehe, wie sie bei einer Insulindysregulation oder einem PPID häufig vorkommt, anders entsteht als eine Hufrehe infolge einer schweren Entzündung oder Sepsis. Gemeinsam haben jedoch alle Formen, dass am Ende die empfindlichen Lamellen ihre Stabilität verlieren.

Bei vielen Pferden beginnt dieser Prozess mit einem dauerhaft erhöhten Insulinspiegel. Insulin ist eigentlich dafür zuständig, den Zuckerstoffwechsel zu regulieren. Bleibt es jedoch über längere Zeit in zu hoher Konzentration im Blut, wirkt es nicht mehr nur auf den Stoffwechsel. Über Signalwege in den Lamellen kommt es zu einer Fehlsteuerung der Lamellenzellen: Sie verändern ihre Form, beginnen sich zu verlängern und verlieren zunehmend ihre feste Verankerung. Die Verbindung zwischen Hufbein und Hufkapsel wird dadurch immer instabiler – auch ohne dass zu Beginn eine ausgeprägte Entzündung im Vordergrund stehen muss.

Bei einer Hufrehe infolge einer schweren Darmentzündung, einer Nachgeburtsverhaltung oder einer Sepsis läuft der Prozess anders ab. Gelangen bakterielle Bestandteile oder große Mengen entzündlicher Botenstoffe in den Blutkreislauf, reagiert der gesamte Körper mit einer massiven Entzündungsantwort. Das Endothel – die empfindliche Innenauskleidung der Blutgefäße – wird aktiviert. Blutgefäße verändern ihre Durchlässigkeit, Immunzellen wandern ins Gewebe ein und zahlreiche Entzündungsmediatoren werden freigesetzt. Diese systemische Reaktion erreicht schließlich auch die empfindlichen Lamellen im Huf.

Unabhängig von der Ursache gerät schließlich die Versorgung der Lamellen aus dem Gleichgewicht. Die Mikrozirkulation – also die Durchblutung in den feinsten Blutgefäßen – funktioniert nicht mehr optimal. Sauerstoff und Nährstoffe gelangen nicht mehr in ausreichender Menge zu jeder einzelnen Lamelle, während Stoffwechselprodukte schlechter abtransportiert werden. Gleichzeitig geraten die Zellen unter erheblichen Stress.

Die Lamellen sind jedoch keine starren Strukturen. Sie werden ständig umgebaut und erneuert. Dafür nutzt der Körper spezielle Enzyme, sogenannte Matrix-Metalloproteinasen. Unter normalen Bedingungen helfen sie bei Reparatur- und Umbauprozessen. Gerät das System jedoch aus dem Gleichgewicht – insbesondere bei entzündungsbedingten Formen der Hufrehe – können diese Enzyme überaktiv werden und die feinen Verbindungen zwischen den Lamellen zusätzlich schwächen. Ab diesem Moment beginnt ein Kreislauf, aus dem der Körper allein oft nicht mehr herausfindet.

Mit jeder geschädigten Huflamelle verliert das Hufbein ein kleines Stück seines Halts. Die unzähligen feinen Verbindungen, die es normalerweise sicher in der Hufkapsel tragen, werden immer instabiler. Gleichzeitig lastet bei jedem Schritt das gesamte Gewicht des Pferdes auf genau diesen geschwächten Strukturen.

Irgendwann können die Lamellen dieser Belastung nicht mehr standhalten. Jetzt werden die Folgen sichtbar. Jeder Schritt schmerzt. Viele Pferde verlagern ihr Gewicht nach hinten, laufen vorsichtig oder möchten sich am liebsten gar nicht mehr bewegen. In schweren Fällen kann sich das Hufbein innerhalb der Hufkapsel drehen oder sogar absenken – eine der schwerwiegendsten Folgen einer Hufrehe.

Doch für mich endet die Geschichte hier nicht. Denn eine Rotation des Hufbeins ist nicht die eigentliche Ursache der Erkrankung. Sie ist das Ergebnis vieler Prozesse, die bereits zuvor im Körper stattgefunden haben. Deshalb stelle ich mir eine andere Frage:

Welche Mosaiksteine haben den Körper meines Pferdes Schritt für Schritt aus dem Gleichgewicht gebracht?

Denn genau dort beginnt für mich die eigentliche Suche. Nicht nach einer schnellen Erklärung, sondern nach den Zusammenhängen. Nach den kleinen Mosaiksteinen, die sich über Monate oder manchmal sogar Jahre zu genau diesem Bild zusammengesetzt haben. Erst wenn wir diese Zusammenhänge verstehen, können wir nicht nur die Hufrehe besser begreifen – sondern einen Weg entwickeln, der wirklich zu deinem Pferd passt.


Bevor wir verstehen können, warum eine Hufrehe entsteht, lohnt sich ein Blick auf den gesunden Huf. Denn nur wenn wir wissen, wie faszinierend dieses System normalerweise funktioniert, wird deutlich, warum bereits kleinste Veränderungen so schwerwiegende Folgen haben können.

Von außen wirkt der Huf wie eine harte Hornkapsel. Robust, widerstandsfähig und scheinbar unbeweglich. Doch dieser Eindruck täuscht. Im Inneren verbirgt sich ein hochkomplexes Organ, das jeden einzelnen Schritt deines Pferdes ermöglicht. Mit jedem Aufsetzen des Hufes werden enorme Kräfte aufgenommen. Ein Pferd mit 600 Kilogramm Körpergewicht belastet seine Hufe bei jedem Schritt mit einem Vielfachen seines Eigengewichts. Trotzdem gelingt es dem gesunden Huf, diese Kräfte abzufedern, gleichmäßig zu verteilen und gleichzeitig empfindliche Strukturen im Inneren zu schützen.

Damit das funktioniert, müssen zahlreiche Gewebe perfekt zusammenspielen. Die Hufkapsel schützt das Innere des Hufes vor äußeren Einflüssen. Das Hufbein bildet das stabile Gerüst im Inneren. Zwischen beiden liegen die Huflamellen – Tausende feinster blattförmiger Strukturen, die Hufbein und Hufkapsel wie ein hochentwickelter Klettverschluss miteinander verbinden. Doch die Huflamellen haben noch eine zweite, oft unterschätzte Aufgabe. Sie halten das Hufbein nicht einfach nur fest. Gleichzeitig übertragen sie bei jedem Schritt die enormen Kräfte, die beim Laufen entstehen. Dabei müssen sie stabil genug sein, um mehrere hundert Kilogramm Gewicht zu tragen, und gleichzeitig elastisch genug bleiben, um jede Bewegung abzufedern.

Damit diese empfindlichen Strukturen dauerhaft funktionieren können, sind sie auf eine optimale Versorgung angewiesen. Feinste Blutgefäße transportieren Sauerstoff und Nährstoffe bis in jede einzelne Lamelle. Über dieselben Gefäße werden Stoffwechselprodukte wieder abtransportiert. Gleichzeitig versorgen Nerven den Huf mit Informationen über Druck, Belastung und Schmerz. Jede einzelne Zelle arbeitet dabei ununterbrochen daran, das Gewebe zu erneuern und die Verbindung zwischen Hufbein und Hufkapsel stabil zu halten. Ein gesunder Huf befindet sich deshalb in einem ständigen Umbau. Alte Zellen werden ersetzt, neue aufgebaut, winzige Schäden sofort repariert. Solange dieses empfindliche Gleichgewicht funktioniert, bleibt die Verbindung zwischen Hufbein und Hufkapsel stabil – selbst unter enormen Belastungen.

Erst wenn dieses fein abgestimmte Zusammenspiel gestört wird, beginnt die Stabilität der Huflamellen nachzulassen. Und genau dort beginnt die Geschichte der Hufrehe.

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